Fragment of Abundance – Fragmento de Abundância
2023 hörte ich zum ersten Mal von dem Herbarium „Iter Angolense“ (Angolanische Reise). Ana Isabel Dias Correia, Botanikerin und Kuratorin am Museu Nacional de História Natural e da Ciência (MUHNAC) erzählte mir von dem Österreicher Friedrich Welwitsch und seiner Expedition 1853 – 1860 in die ehemalige portugiesische Kolonie. Beim Gang durch den kühl gehaltenen Raum im MUHNAC sah ich eine kleine Auswahl der ca. 8.000 Pflanzenarten, die Welwitsch nach Lissabon mitgebracht hatte. Es war ein besonderer Moment, genau die Pflanzen zu sehen, die Mitte des 19. Jahrhunderts gefunden, untersucht, zerteilt, getrocknet, reisetauglich verpackt und transportiert worden waren.
Ich lernte, dass Herbarium-Blätter international auf 41 x 30 cm genormt sind. Die Pflanzenblätter haben alle einen ähnlichen bräunlichen Farbton und sind mithilfe von weißen Klebstreifen zu einem ansprechenden Ganzen arrangiert. Notizen von Welwitsch und späteren Botaniker:innen sind am Rand der Herbarium-Blätter zu lesen. Früchte, Samen oder Blütenstände werden in kleinen ausfaltbaren Papieren aufbewahrt. Das Herbarium „Iter Angolense“ gilt noch heute als einzigartig. Welwitsch hielt regen Briefkontakt mit Naturforschern wie z.B. Charles Darwin und war ein Befürworter der damals von Alexander von Humboldt begründeten Vegetationsgeografie, bei der Pflanzenwuchs in Abhängigkeit zu geografischen Räumen untersucht wird.
Als Zeichnerin beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Zwei- und Dreidimensionalität. Die Tatsache, dass Botaniker:innen Pflanzen weltweit sammeln und dann flachpressen, um sie für die weitere Forschung aufzubewahren, hat mich motiviert, über das Herbarium „Iter Angolense“ künstlerisch zu arbeiten.
Die Veröffentlichung von Helmut Dolezal zu Friedrich Welwitsch (1959) verhalf mir zu einem Eindruck der politischen Dimension einer botanischen Expedition. Welwitsch hatte einen Vertrag mit dem portugiesischen Königshof unterschrieben, in dem er sich verpflichtete auch Beobachtungen zu Klima, Geografie, Anbauflächen, Essengewohnheiten und Verkehrswege aus der Kolonie zu dokumentieren. Diese Informationen hat Portugal genutzt, um seine Vormachtstellung gegenüber der angolanischen Bevölkerung auszuweiten. Angola ist seit 1975 unabhängig.
2024, bei der Sichtung des Herbariums, fragte ich mich: wie sehen die Pflanzen, die Bäume, die Sträucher „wirklich“ aus in Kontrast zur Ästhetik der getrockneten Pflanzen? Ich beschloss, nach Angola zu reisen, um lebende Pflanzen an den Orten zu suchen, wo Welwitsch sie gefunden hatte. Mithilfe der angolanischen Biologin Fernanda Lages gelang es uns in den Provinzen Huíla und Namibe rund 20 Lebend-Pflanzen, die im Herbarium „Iter Angolense“ vertreten sind, zu finden.
Plants 1850s and 2024
Für die Serie „Plants 1850s and 2024“ arbeitete ich mit den gleichen fünf Pflanzen wie in „One Plant, Two Names“. Ich stellte einen Dialog zwischen einem Foto aus dem Herbarium und einem Foto derselben lebenden Pflanze her. Wie in einer Intarsienarbeit sind die ausgeschnittenen Kreise leicht gedreht oder mit Kreisen des anderen Fotos ausgetauscht.
„Fragment of Abundance“ ist der Auftakt eines mehrteiligen Projekts.
Katrin von Lehmann, Berlin 2025