Augenlicht - Präsenz reflektierten Sehens
Bilderweben – Netzhäute – Blickverflechtung – Strukturlesen

Erfahrungen beim Zeichnen, das linear-flächig in elementaren oder komplex sich überlagernden Graphismen sich selbst dokumentierende Suchen, Finden, Verweilen und Weitertreiben, offenbarten sich in einem Gespinst aus Vorstellung und Wahrnehmung. Es erscheint als bildhaft-ideen-räumliches Erleben in einer Poesie der Stille, des inneren Reichtums oder auch als engmaschige Textur entäußerter, unmittelbar autographischer Spurenlegung wie Spurenverfolgung in Einem.

Derart verschränkte, sich immer wieder durchkreuzende Perspektiven unterschiedlicher Ansichten, bestimmen ebenso die sog. "Fotoflechtungen" von Katrin von Lehmann. In ihnen durchqueren, überlagern und ‘überwinden’ illusionistisch abbildhaft reflektierte Wirklichkeit und real plastisch sich ausprägende Bildgeflechte ‘ein-ander’ als Photo-Matten, Vor-Ort-Installationen sowie minimalistisch strenge, mehrlagig komponierte Gitter-Reliefs oder detailreich gewobene ‘Wirkteppiche’. Je nach Abstand des Betrachters, fokussieren sie Aus- und Einblicke in synthetisch sich verselbständigender Verdichtung auf beziehungsreiche Räume. Sie senden gegenläufig empfundene Impulse aus Nähe in abstrakter Entrücktheit und Ferne trotz wiedererkennbar, vertrautem Verstehen ‘nahe liegender’ Motive. Blicke werden hin- und hergezogen, vor- und zurückgestoßen, eingesogen oder verbaut und federnd aufgefangen. Zuweilen wird die Betrachtung auch über hinterleuchtet reproduzierte Blickverschiebungen zu real vorhandenen Kreuzungspunkten geführt bzw. in geheimnisvoll verborgene Sphären des nicht Sichtbaren umgelenkt. Durch diese ‘optische Massage’ immer wieder provozierter Perspektivwechsel zwischen abgelichteten Projektionen und plastisch gegebenen Strukturverhältnissen auf verschiedenen formalen wie geistigen Ebenen, wird Sehen als Vorgang sich selbst bewusst gemacht, zu denkendem Sehen gesteigert, im Flechtwerk Bild reflektiert, ja transformiert und immer wieder neu hervorgerufen.

Lehmanns Fotoflechtungen sind Produkte wie zugleich Quellen für vielschichtig verwobene Beobachtung. Sie dokumentieren bildnerisches Denken und ermöglichen unverbrauchte, schier ‘endlos’ erscheinende, abstrahierend neu zu entdeckende oder erst noch zu ‘entwickelnde’ Betrachtung von sowohl makro- wie auch mikrokosmischer Qualität. Bei jenen eigenwilligen Rasterkonstruktionen aus horizontal und vertikal verflochtenen Fotostreifen, die an Rollen des Filmmaterials erinnern mögen, ist die Lesbarkeit selbstverständlich abhängig von der Frage des Verhältnissehens oder eines dimensional variierenden Bezugs kontextueller Interpretation.

Die Vorgehensweise, so einfach sie als Ablichten, Schneiden, Schichten und Verdichten zunächst auch scheinen mag, ist doch das Ergebnis feinfühlig durchdachten Tuns. Es erzeugt eine Fülle an innerbildlicher Referenz, die das sensible Auge fasziniert und staunend gefangen nimmt. Zuweilen wirken Lehmanns Fotoflechtungen, in Bezug auf die Natur der Bäume und jener synthetischen der eigenen Medienwirklichkeit, wie bildhafte Rückspiegelungen unserer eigenen ‘Netzhaut’, durch die uns das Sehen selbst anschaut. Es sind artifizielle Membrane einer Synthese aus unmittelbarer Präsenz, Ablichtung und Eigenbild mit einem anderen Grad von Unmittelbarkeit und überraschender ‘Gegenwart’. Seltsam, wie diese porenreich gegliederte Bild-Epidermis semipermeabel changiert zwischen Kommen und Gehen, Verschwinden und Wiedererscheinen, kontrastierender Schärfe und überstrahlendem Ausbleichen. Unterschwellig auch wieder ein Hinweis auf organische, eigenzeitlich sich entfaltende photographische Entwicklungsprozesse, etwa in Analogie zu ambivalent reflektiertem Denken allmählicher Bewusstwerdung und einem permanenten Wandel unterliegenden Vorstellungsvermögen. Dafür spräche auch die gewählte Motivik ausschnitthaft gezeigter Rindenstücke fragmentierter Fotoränder belichteter Filmkader und die jalousieartige Bildform geschichteter, zu Sehschlitzen oder Spähscharten bzw. zu abstrakt textualisierten Bildteppichen verflochtenen Fotostreifen, nämlich als Umkehrung sinnlich-‘stofflicher’ Oberflächen-Wahrnehmung in inhaltlich ausdeutendes Tiefensehen trotz glänzend rückspiegelnder Photobeschichtung.

Katrin von Lehmann gelingt es, scheinbar anspruchslos den Blick paradox zu befreien vom abgelichteten Gegenstand bzw. dem Impuls seines Ursprungs hin zu einem sich selbst(kritisch) bewusst werdenden wie gleichsam spielerisch autonom sich entfaltenden Sehen und zur Gestaltung rein visueller Poesie, dem Zeichnen mit Licht, eben ‘Photo-Graphie’. Der Künstlerin und uns Augenwanderern bleibt zu wünschen, dass ihre Kunst weiterhin solch vielschichtige wie ‘facettenreiche’ Entwicklung nimmt, ohne sich deswegen nicht im geringsten untreu zu werden. Im Gegenteil, man darf gespannt sein, welch gehaltvoll stimulierende Formen der Bildwerdung sie uns auf der Basis ihres besonderen Interesses noch bescheren wird. Ihr Werk zählt im Bereich der Photographie zu den nuanciertesten, die das Thema "Sehen und Denken" bildnerisch reflektieren, mit dem sich der Verfasser in einer gleichnamigen Ausstellungsreihe der Akademie der Künste seit 1997 als Projektleiter beschäftigt. Ihre subtilen wie nachhaltig retardierenden Bildstrukturen öffnen den Blick dezentral, ebenso wie sie ihn in alternierender Verwobenheit mit flächig verbauten Partien zugleich wieder verschließt oder zum ‘Erinnern’ umkehrt. Jene nicht mehr zuzuordnenden Fragmente, auch im Wechsel sichtbar sich vorwölbender bzw. verdeckt abtauchender Elemente oder lückenhaft luftiger Zwischenräume des Bildgewebes, sind als immer wieder ‘animierende’ Sehstörung und konstruktive Behinderung optischer Annäherung die beste Gewähr für den nicht zu korrumpierenden, nur kunstvoll wie gleichsam geistreich zu leistenden ‘Augenblick’.


Christian Schneegass
November 2004