"Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick grässlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- oder Ameriko."                      Christian Morgenstern


Das Sehen neu vermessen
Die Fotoflechtungen von Katrin von Lehmann

Der Zwischenraum ist wichtig. Im Gedicht über den Lattenzaun von Christian Morgenstern gibt erst der Zwischenraum dem Bild Tiefe und Sinn, ein Davor und ein Dahinter.

Der Zwischenraum ist wichtig in den Fotoflechtungen von Katrin von Lehmann. Am weitesten ausgedehnt hat er sich in der "Pappel": Da ist er richtig zu einer Leere im Bild geworden. Der Eingriff der Künstlerin mit der Schere korrespondiert mit dem Stutzen des Baums und dem Absägen der Ästen. Bei "Pappel" ist der Zwischenraum fast zu einer schmerzhaften Fehlstelle des Bildes und der Wirklichkeit geworden.

In den meisten Arbeiten der Künstlerin aber spielt die Unterbrechung eine andere Rolle. Die Luft, die längs der Schnittkanten in die Bildoberflächen dringt, öffnet einen imaginären Raum anstelle des Illusionsraums. Das Auf und Ab der Fotobänder, ihr Ineinandergreifen wie Hände, erzeugt eine Mehrschichtigkeit: man bleibt sozusagen "im Bild" und schaut doch zugleich dahinter.

Die Kamera und die Schere sind zwei wichtige Arbeitsinstrumente für Katrin von Lehmann. Mit der Kamera geschieht der erste Schritt, die Abbildung oder Aufnahme, mit der Schere der zweite, der Angriff auf die Abbildung und die glatte Oberfläche Fotografie. Was Bild war, zerschneidet Katrin von Lehmann in lange und manchmal auch fragile Streifen. In der kleinen Arbeit "Ränderwald" ist aus dem Bild eines winterlich kargen Waldes so etwas wie das karge Skelett eines Bildes geworden, eine ausgedünnte Spur. Aber das Zerschneiden ist nicht nur ein Akt der Zerstörung sondern zugleich Gewinnung eines neuen Materials. In den Flechtungen entsteht etwas Neues: ein dem Bild sehr verwandtes Ding, das auch noch viele seiner ursprünglichen Informationen birgt, sie aber wie Schneeflocken oder einen Sack voller Federn neu durcheinandergewirbelt hat.

Der Prozess dieser Bildgewinnung potenziert sich, wenn Katrin von Lehmann die Flechtungen wiederum fotografiert, den Abzug vergrößert, neu zerschneidet und dieses Vorgehen mehrfach wiederholt. Dabei spielt sie mit den Parametern der Fotografie, wie dem Abstand zum Objekt, der Tiefenschärfe, der Vergrößerung. Die sechs Fotoflechtungen "Waldung" sind so nacheinander entstanden. Den abstrakt anmutenden Kompositionen aus Licht und Schatten ist die Verbundenheit zu einem landschaftlichen Thema gerade noch anzumerken. Jede folgt einem anderen Rhythmus und Tempo, die Tiefe des Zwischenraums variiert und die Vorstellung von Nähe und Entfernung verändert sich.

Dieser Schritt, etwas erst zu zerstören, um es dann anders zusammenzusetzen, lässt an eine Reihe analoger Vorgänge denken: In der Kunst liegt zunächst die Geschichte der Collage nahe, denn auch das sind die Fotoflechtungen. Man kann aber auch an den Umgang mit den Pixel in der Bildbearbeitung am Computerbildschirm denken, die das Bild ebenfalls zerlegen und wie ein Bausatz bearbeiten lassen. Aber der große Unterschied ist, dass dort die Spuren des Eingriffs verschwinden, während sie bei Katrin von Lehmann nicht nur sichtbar bleiben, sondern zum Thema werden. Eher schon ist ein Vergleich mit den Techniken der elektronischen Musik stimmig, die Klangelemente zu vereinzeln, zu kopieren und mit anderen so generierten Tonspuren neu zu verflechten.

Es bietet sich auch noch ein anderer Vergleich dieses Wechselspiels von Zerstören und Aufbauen an, nämlich mit den Zyklen in der Natur selbst, dem Kreislauf von Wachsen und Verblühen, der Folge von Tagen und Nächten, Sommern und Wintern.

Aber warum überhaupt frage ich vor den Werken von Katrin von Lehmann so schnell nach dem Wie und der Bedeutung des Herstellungsprozesses, statt erst einmal das Was in Ruhe zu betrachten? Tatsächlich ist die Versuchung sehr groß, die Fotoflechtungen der Künstlerin in eine Beziehung zum verlorenen Abbild zu stellen. Man liest ihre Arbeiten eben nicht mehr als geschlossene Bildoberflächen und statische Einheiten, die genau das erzählen, was zu sehen ist; sondern man liest sie als Verweis auf einen Prozess, auf Transformationen des Sichtbaren, auf verschwundene Ganzheiten. Die Fotoflechtungen sind Bilder, in denen das Nachdenken darüber, was Bilder können, zu einer eigenen Form gefunden hat.

In den Fotoflechtungen wird das Bild aber auch zu einem Objekt oder Bildkörper, dem verschiedenes geschehen kann - eine Zerstörung hat es schon überlebt, warum nicht mal einen Ausflug machen. Ich möchte Katrin von Lehmanns Werken einen großen Drang unterstellen, aus dem Atelier auszubrechen und mehr von der Welt zu sehen. Das geht wahrscheinlich auf den Einfluss der Künstlerin zurück, die es selbst nach draußen zieht; die Reihen ihrer Fotoflechtungen haben ihren Ausgang oft außerhalb der Stadt genommen, während Stipendienaufenthalten auf dem Land. Ihre Arbeiten zurückzubringen an den ursprünglichen Ort der Aufnahme, an Wiesenrändern auszubreiten wie die "Bodenbirke", oder mit den Ästen von Bäumen zu verflechten, hat etwas von einem magischen Akt: der Natur etwas von ihrem Bild, das wir in unserer Kultur so vielfach gebraucht und bis zum Klischee abgenutzt haben, zurückzubringen. Es ist dieser Funke von Irrationalismus, der in das sonst so rationale, bildkritisch und theoretisch fundierte Werk von Katrin von Lehmann auch eine im besten Sinn poetische und romantische Haltung einbringt.

Für die Arbeit "Ahornesche" flocht sie zu schmalen Streifen zerschnittene Fotos von Baumästen zwischen diese selbst. Das erinnert mich an andere Bilder von Bäumen, die voller bunter Stoffbänder hingen, in einem Film über die Mongolei - da galten die Stoffbänder als ein Mittel mit den Geistern der Natur zu kommunizieren und sie durch den geschenkten Bandschmuck bei Laune zu halten. Eine solche Geste der Reverenz an irgendeine spirituelle Macht da draußen scheinen mir die Rückbringungen der Fotoflechtungen nach draußen und ihre Installationen vor Ort auch. Aufgebrochen wird so die Macht des Bildes zugunsten der realen Anwesenheit, auch wenn die Form, in der wir an diesem Akt teilnehmen, wiederum ein Bild ist.

Dieser Angriff auf die Macht der Bilder geschieht aber nicht nur magisch sondern vor allem ganz rational. Die Funktion der Repräsentation der fotografischen Abbildung wird gestört, die Differenz zwischen der Fotografie und ihrem Ursprung verhandelt. Das ist, da wir in bildmächtigen Zeiten leben, in der die fotografische Repräsentation von Wirklichkeit noch ansteigt, keine Kleinigkeit. Der Kritik an der Macht der Bilder bietet Katrin von Lehmann bestes Material.

Aber es ist ihr nicht nur um diesen theoretischen Erkenntnisgewinn zu tun. Nicht Kritik der Fotografie oder Bewertung ihrer Praxis ist das Ziel. Ihre Fotoflechtungen entstehen vielmehr auch aus einer Lust der Entdeckung mit der Kamera. Sie fotografiert die Flechtungen ja wieder, kontrastierte den scharfen Schnitt der Schere mit optischen Unschärfen, nimmt Vorder- und Rückseiten der Flechtungen in den Blick, lässt Zwischenraum wachsen zwischen den Bildmustern wie die Pausen in der Musik, kurz: sie zerlegt den Vorgang des Sehens, interpoliert die Strecke vom Ding zum Auge und gewinnt dabei immer neue Ordnungen, Muster, Ornamente. Der theoretische Zugriff ist nur die eine Seite, die Lebendigkeit und Vielfalt der gewonnenen Strukturen die andere.

Die Flechtungen gehen über die Thematisierung von Abbildung und Bild auch hinaus, in dem sie nachahmende, mimetische Objekte sind. Nicht nur weil die Flechtung eine handwerkliche Technik nachahmt, eine alte Kulturtechnik, bei der es mehr um die Stabilität der Objekte ging, kaum aber um eine Funktion als Bildträger. Als Bildträger aber ist die Flechtung äußerst lebendig, alle paar Zentimeter ändert sich je nach Spurbreite des Fotostreifens um Winzigkeiten die Stellung des Fotopapiers zum Licht. Die Struktur der Oberfläche nähert sich der Struktur des ursprünglich Fotografierten wieder an.


Katrin Bettina Müller
September 2004