fotografische Flechtarbeiten
Katrin von Lehmann ist grundsätzlich skeptisch gegenüber visuellen Repräsentationen, ganz besonders jedoch dann, wenn diese fototechnisch erzeugt werden. Motiviert wird ihr Interesse am Apparatbild durch die Kritik gegenüber der westlichen Zentralperspektive und ihrer Blickorganisation, die nicht nur der modernen Version von Mimesis, sondern vor allem jeder Kameraoptik zugrundeliegt. Dass die intervenierende Struktur dieses Abbildungsmodus für die BetrachterInnen fast nicht wahrnehmbar ist, sondern von der scheinbaren Neutralität der Mimesis geradezu ausgeblendet wird, auch daran hat von Lehmann Zweifel. Schließlich repräsentiert jedes Bild immer lediglich einen Ausschnitt. Und auch wenn die Ausschnittwahl inhaltlich und ästhetisch gezielt vorgenommen wird, so lässt sich eine willkürliche Komponente in der Zusammenstellung der für bedeutsam gehaltenen visuellen Daten doch nicht ausschließen. Für ganz besonders problematisch hält von Lehmann jedoch die Beliebigkeit des kulturellen Transfers von Bildern, die, an irgendeinem Ort gezeigt, den Ort, den sie repräsentieren, nur verraten können.
Solche Orte findet die Künstlerin vornehmlich in der Natur. Es steht also ein bestimmter Begriff von Ort und Medium hinter von Lehmanns Arbeit, den wir am treffendsten anthropologisch nennen und der die Erfahrung eines Orts über seine Konservierung im Bild stellt: Katrin von Lehmanns jüngere Arbeiten ließen sich als eine bildnerisch-praktische Version der Kritik an technomedialer Repräsentation verstehen, die derzeit in der Bild-Anthropologie theoretisch formuliert wird.
Daher schlagen ihre neueren Fotoflechtungen eine mediale Reflexion der grundsätzlichen Nichtrepräsentierbarkeit von Orten vor. Sie modifizieren von Lehmanns frühere installative Arbeiten in der Natur, die Elemente von Spurensicherung mit Fragen von site-specificity verknüpften. Zwar beruhen die aktuellen Werke auf dem Medium Fotografie, entscheidend kommen dann jedoch die weiteren Verfahren hinzu. An die Stelle der Intervention in die Natur tritt nun der Einschnitt in den abbildlichen, den Stellvertreterort. Denn die Flechttechnik beruht darauf, ein oder mehrere Fotos des selben Motivs zunächst zu zerschneiden, um dann mittels der neuen Verbindung selbst etwas wie einen Ort zu schaffen, der die Differenz zwischen Ort und Bild herausstellt. Dabei denkt Katrin von Lehmann in symbolischen Prozessen, in denen beispielsweise brutal gestutzte oder gefällte Bäume zwar nochmals und sogar wesentlich weniger organisch im Bild zerlegt, dann aber auch, ebenso symbolisch, ja beinahe im Sinne einer rituellen Heilung, wie dies die Metapher des Schnitts eben auch besagt, wieder zusammengefügt werden.
So wie Earth Art-Künstler wie Robert Smithson gewaltige Mengen von Material an Orten, die erst durch solche realästhetische Interventionen den Begriff Landschaft verdienen, mit riesigen Maschinen ausgehoben oder hin und her transportiert haben, so wird Katrin von Lehmann auf der Ebene des Bildes handgreiflich. Sie zerschneidet den Raum, den das Licht und die Optik aufgezeichnet haben, um ihn mehr oder weniger systematisch neu zu bauen. Im Fall der Fotoflechtungen bildet sich dabei nicht nur inhaltlich und ästhetisch ein neuer, ein verdichteter oder ausgedünnter, in jedem Fall ein synthetischer Ort, vor allem ist seine Konstruktion selbst wiederum ein räumliches Gebilde und keine bloße Fläche mehr.
Das Gelenk zwischen den älteren und den jüngeren Arbeiten bildet die Werkserie Ahornesche, eine Ortsuntersuchung unter Langzeitbeobachtung. Sie nahm ihren Ausgang im Frühjahr 2002 während eines Stipendiumsaufenthalts im Künstlerhaus Nackel. Dort, wo die Bauern früher Äste und Ruten für die Korbflechterei geschnitten haben, verwob Katrin von Lehmann nun ein in Streifen geschnittenes, großformatiges Schwarz-weiß-Foto der Sträucher mit diesen selbst und zwar an ihrem Standort. Weit mehr als die Einheit des Bildes wiegt der reale Ort für die Künstlerin, der in diesem Fall durch die Erinnerung an das historische Handwerk markiert ist. Für sie ist die Bewertung eindeutig: Der Ort hat Vorrang gegenüber seiner Simulation im Bild. In einem symbolischen Akt inszeniert Katrin von Lehmann eine Art Rück-Gabe des Bildes an einen Ort. Diese besondere Form der Gebens wird als ein Prozess inszeniert, in dem die Witterung, die Jahres- und die Tageszeiten das Projekt zeichnen. Nicht nur, dass die Fotoflechtung ihrerseits nochmals von Insekten und vor allem von Spinnen verwoben wird, ganz besonders zeichnet das Licht weiter. Fotografie heißt ja nichts anderes als Lichtzeichnung. Und so zeigen sich die fotografierten Strauchabschnitte bei einem bestimmten Licht plötzlich wie Röntgenaufnahmen, Fotogramme oder wie "fotogenetische Zeichnungen. So jedenfalls nannte Henry Fox Talbot, der Erfinder des fotografischen Negativverfahrens seine Entwicklung. Zwischen 1844 und 1846 stellte er seine technischen und theoretischen Überlegungen in dem historisch ersten mit fotografischen Bildtafeln illustrierten Buch dem schönen Titel The Pencil of Nature/Der Zeichenstift der Natur zusammen. Darin legte Talbot die Methode vor, nach der der Selbstabdruck der Natur entstehen würde. Am Anfang dieser folgenreichen Form der Re/Produktion steht die chemische Spekulation, das "vielgestaltige Schauspiel von Licht und Schatten hinterließe "sein Abbild oder seinen Abdruck auf dem Papier [
], bald stärker, bald schwächer, je nachdem, wie stark oder schwach das Licht hier jeweils tätig war. Heute, 160 Jahre später, geht es weder um die Ökonomie des Selbstabdrucks gegenüber der mühseligen Handzeichnerei, nicht um die Genauigkeit der Aufzeichnung, noch um die damals neue und eher abstrakt anmutende Schwarz-weiß-Ästhetik. Katrin von Lehmanns Mischung der künstlerischen Medien, der plein-air-Installation samt ihren zeitbasierten, prozessualen Veränderungen, mit der Fotografie als deren Speicher, zielt auf eine Art von kritischer Medienarchäologie, die wiederum einem Ort zu gute kommt. Was die Künstlerin vor Ort, anders gesagt: draußen, an einem zunächst eher unspezifischen Ort installierte, produzierte nämlich schließlich selbst einen Ort im anthropologischen Sinn. Die Fotoflechtungen, ein fortlaufendes Projekt in Variation und mit noch offenem Ausgang, versuchen diese komplexe Bild-Ort-Struktur methodisch zu reflektieren.
Hanne Loreck
Dezember 2003
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