Zwischen den Falten des Papiers – Die Ästhetik der Erinnerung

Jeder von uns kennt die Situation: Man möchte jemandem einen Weg erklären, hat jedoch keinen Stadtplan zur Hand. So greift man zu Stift und Papier und zeichnet den Weg aus der Erinnerung, markiert dabei Laufrichtung und besondere Punkte, die der Orientierung des anderen dienlich sein könnten. Auch Katrin von Lehmanns Zeichnungen der Serie „Transição“ zeigen Wege, welche die Künstlerin aus der Erinnerung auf das Papier gebracht hat. Diese Wege sind jedoch für den Betrachter, der sie nicht gegangen ist, der sie, im Gegensatz zur Künstlerin, nicht selbst erlebt hat, keinesfalls als Stadtplan oder Ortsbeschreibung zu lesen oder nachzuvollziehen. Zu persönlich sind diese Wege.
Aus ihrem Atelier in Kreuzberg in ihrer Heimatstadt Berlin blickte die Künstlerin zum Kreuzberg, stand auf, machte sich auf den Weg und ging auf den Kreuzberg hinauf, von dessen Gipfel aus sie zu ihrem Atelier zurückblickte. Dann ging sie wieder zurück ins Atelier, setzte sich und zeichnete diesen eben gegangenen und erlebten Weg mit geschlossenen Augen aus der Erinnerung auf einen Bogen Papier. Dieses Projekt wiederholte sie mehrmals, sowohl in Kreuzberg (26 Mal) als auch in dem kleinen Ort Pinhel in Portugal (9 Mal), wo sie 2005 als Stipendiatin weilte und von ihrem Atelier aus hinauf zur Burg der Kleinstadt und zurück ging und diesen Weg dann zeichnete. Dabei waren es jedes Mal die gleichen Wege, die Katrin von Lehmann zurückgelegt hat. Die aus diesen Gängen entstandenen Zeichnungen zeigen jedoch, dass jeder einzelne Weg, egal wie oft diese geographischen Koordinaten bereits abgeschritten worden waren, besonders und einzigartig darin ist, wie er erlebt und erinnert wird. Das Zeichnen aus der Erinnerung mit geschlossenen Augen vollzieht den Gang noch einmal nach. Dem Zurechtfinden der Künstlerin im Raum entspricht die topographische Orientierung der Zeichenstifte auf dem Papier. Zwei mit beiden Händen parallel geführte Zeichenstifte machen sich gleichsam wie vorher die beiden Füße auf den Weg. Vom Ausgangspunkt im Atelier und dem Blick zum Ziel führen sie in kurvigen Linien, in zögerlich oder entschieden gesetzten Graphismen tastender oder fest aufgesetzter Schritte, sie vollziehen das Treppensteigen nach, markieren ein Innehalten und Verweilen, und in großzügiger und raumgreifender Strichführung Blicke über Stadt und Land. Beginn und Ende einer jeden Zeichnung ist das Sitzen und Zeichnen im Atelier.
Was jeden einzelnen dieser Wege so besonders macht, ist die Tatsache, dass er auch in der Erinnerung nicht nur aus der Erfahrung der räumlichen Fortbewegung besteht, sondern auch andere sinnliche Eindrücke beinhaltet: Der dichte Verkehr an der zu überquerenden Straße, die Flugzeuge über der Großstadt, Geräusche und visuelle Eindrücke – sie verdichten sich in der Zeichnung zu komplexen Strukturen, zu Spuren der Erinnerung, die in der ästhetischen Empfindung noch gesteigert sind durch die zeichnerische Ausführung mit geschlossenen Augen. Jede Zeichnung offenbart ein zusammenhängendes inneres Gefüge, wie auch jeder Weg eines ist, basierend allein auf der subjektiven Perspektive der Künstlerin. Im Vergleich treten auch Unterschiede zwischen den Zeichnungen, die in der portugiesischen Kleinstadt Pinhel entstanden sind, und denen, die im Herzen der Großstadt gezeichnet wurden, zu Tage. Die Linienführung der letzteren scheint energischer, die einzelnen Striche scheinen mit mehr Druck auf das Papier gebracht zu sein, die Schraffuren muten dichter, die Struktur komplexer an.
Die in der Zeichnung reflektierte Erinnerung macht bereits im Entstehungsprozess die Problematik der Erinnerung als Konstruktion bewusst und verlangt höchste Konzentration auf das eigene Tun: Katrin von Lehmann hinterfragt die eigene Erinnerung an den gegangenen Weg im Zeichenprozess: Erinnere ich mich oder glaube ich nur, mich zu erinnern? Erinnere ich mich an den Weg, wie ich ihn dieses Mal erlebt habe oder erinnere ich mich daran, wie ich ihn vielleicht beim letzten Mal erlebt oder gezeichnet habe? Beeinflusst die in der letzten Zeichnung gefundene graphische Form meine Erinnerung? Der Prozess der Erinnerung ist ein bewusster und auch der Prozess des Zeichnens verlangt stetige konzentrierte Reflexion, um die Verwobenheit individueller Erinnerungsbilder mit reflektierten Konstruktionsleistungen zu durchdringen und um sich letztlich frei zu machen von eigenen künstlerischen Gewohnheiten und Automatismen. Jede Wiederholung birgt die Versuchung der Etablierung eines quasialphabetischen Systems aus einmal gefundenen Zeichen. So ist jede Zeichnung der Versuch, die tatsächliche Erinnerung vor die einmal gefundenen Graphismen zu stellen, ein Akt, der jeder einzelnen Zeichnung der Serie auch eine gewisse Autonomie verleiht. Das graphische Zeichen abstrahiert die Wahrnehmung und begleitet den Bewusstwerdungsprozess vom Gehen des Weges über die Erinnerung an dieses Gehen hin zur Zeichnung dieser Erinnerung. Dieser Erinnerungsprozess wird durch die künstlerische Handlung zum Bild transformiert, die bewegte Linie der Zeichnung vollzieht die Bewegung auf dem Weg nach. Die in diesem Prozess nötige Aufmerksamkeit dem Weg und sich selbst gegenüber gleicht der Erfahrung einer Pilgerschaft.
 
Katrin von Lehmann will keine konkrete Anschaulichkeit im Bild erzeugen, will dem Betrachter nicht Schritt für Schritt erklären, wie ein Weg zu gehen oder eine Handlung durchzuführen ist. Vielmehr gelangt sie durch die zeichnerische Visualisierung eines Prozesses zu einer Abstraktion des Weges oder der Handlung, zur Essenz der Handlung und des Weges selbst, die sehr persönlich ist. Die Künstlerin überträgt die (blackouts 4)Vorgehensweise der aus der Erinnerung gezeichneten Wege in den Arbeiten mit dem Titel „Black Outs“ auf bestimmte Handbewegungen, die sie aus der Erinnerung zeichnerisch umsetzt. Eine Handbewegung ist die des Papierfaltens, die zunächst in der Erinnerung, sodann in der Zeichnung künstlerisch reflektiert und schließlich praktisch realisiert wird, in dem die so entstandene Zeichnung mit eben dieser Handbewegung gefaltet wird.
 
Dicke oder dünne Pinsel dienen als Zeichenwerkzeug – der Pinselduktus vollzieht die Handbewegung nach. Dabei ergeben sich im Prozess der Umsetzung der erinnerten Handlung in der Zeichnung Fragen, die die Bewegung selbst reflektieren: Zeichne ich diese Bewegung aus der Sicht der Hand, die den Pinsel führt, als ob sie das Papier faltet oder aus meiner Sicht, von oben darauf herabblickend? Das Zeichnen mit geschlossenen Augen unterstützt den konzentrierten und reflektierten Prozess, entzieht ihm aber die Möglichkeit des ästhetischen Korrektivs durch das Sehen. Eine Unterscheidung zwischen gut und schlecht gibt es dadurch nicht, alles, was in diesem künstlerischen Prozess entsteht, gilt. In der Entstehung können gefundene Formen wieder mit neuen überzeichnet werden und gehen so verloren. Das Falten der fertigen Zeichnung bedeutet zusätzlich den Verlust der zeichnerischen Form, versteckt es doch den größten Teil der Zeichnung, von der schließlich nur noch die Segmente sichtbar bleiben, die auf den Faltkanten des Papiers liegen. Gerade aus diesem Verlust ergibt sich ein ästhetischer Gewinn, eine Bereicherung: Durch das Falten entstehen die Schatten- und Lichtakzente und die Struktur, die das Werk letztendlich ausmachen.
 
Für Katrin von Lehmann spielt neben der Reflexion der Handlung im künstlerischen Prozess auch die dabei angewandte Systematik eine große Rolle, wie sie beispielsweise im streng regelmäßigen Falten von Zeichnungen zu Tage tritt. Auch ihre Arbeiten mit dem Titel „Passatempo“ (passa tempo 1, Detail) basieren auf einem festen System. Mit Buntstiften zeichnet die Künstlerin in verschiedenen Kombinationen Linien mit geringem oder starkem Druck auf das Papier, lässt sie dicht an dicht, einander überdeckend oder mit etwas Abstand parallel verlaufen. Der Buntstiftlinie wird hier der bunte Faden beigesellt, die Zeichnung wird als Zylinder zu einem räumlichen Gebilde geformt. So lotet Katrin von Lehmann hier systematisch die Möglichkeiten der elementarsten Zeichenform schlechthin, der Linie aus: Auf der Fläche, im Raum und als Objekt.
Im künstlerischen Schaffensprozess greift die Künstlerin die Systematisierung von Prozessen auf, die den naturwissenschaftlichen Disziplinen zu eigen ist.
 
In den Werken "Nach dem Wetter" und "Augenbeobachtung" (Nach dem Wetter, Detail) geht sie direkt von der Systematik wissenschaftlicher Aufzeichnungen aus, die ja gewissermaßen eine objektivierte, allgemeingültige Art von festgehaltener Erinnerung sind. So hat sie in der erst genannten die Aufzeichnungen des Wettermuseums Lindenberg der durchschnittlichen Temperaturwerte der vier Jahreszeiten beginnend von ihrem Geburtsjahr bis zum Jahr 2008 in persönliche Aufzeichnungen übersetzt. Durch den anschließenden Faltprozess und seine systematischen Regelmäßigkeit ergeben sich wieder Durchschnittswerte, die jedoch keinen wissenschaftlichen Erkenntniswert bergen, sondern von rein visuellem, ästhetischem Charakter sind. Dabei wird die Realität und die Bedeutung dieser objektiven wissenschaftlichen Daten, dieser naturwissenschaftlich niedergelegten Erinnerungen relativiert, ihnen wird durch künstlerische Transformation in der Zeichnung und im Faltprozess nachgespürt.
 
In ihrer jüngsten Arbeit "Augenbeobachtung" hat sich Katrin von Lehmann mit einem Wolkentagebuch beschäftigt, dem die visuelle Beobachtung als naturwissenschaftliche Methode zugrunde liegt. Ein Meteorologe erfasst in bestimmten zeitlichen Abständen (jede halbe Stunde) durch einen Blick zum Himmel die vorhandene Bewölkung und notiert die jeweiligen, klassifizierten Wolkenformen mit Bleistift in ein Wolkentagebuch, das dann in den Computer eingegeben wird. Katrin von Lehmann hat die Wolkenformen von März 2010 mit Hilfe des internationalen Wolkenatlasses analysiert. Die lateinischen Bezeichnungen basieren auf einer elementaren Anschaulichkeit, die sie assoziativ aufgegriffen hat. Stratocumulus, Cirrocumulus stratiformis und Stratus fractus zum Beispiel ließen sie an flache, lang gezogene, gehäufelte oder gebrochene Formen denken, die sie in ihrem Medium, dem der Zeichnung, umsetzte. Die objektive wissenschaftliche Bezeichnung wird durch dieses assoziative Moment in subjektive Wahrnehmung rückübersetzt. Entstanden sind so 31 Zeichnungen, die assoziativ-künstlerisch das Wolkentagebuch auswerten, für jeden Tag des Monats März eine Zeichnung, jede unterteilt in 48 Abschnitte entsprechend den halbstündigen Beobachtungsabständen der meteorologischen Datenerhebung. Diese Zeichnungen hat Katrin von Lehmann dann quer zu den Beobachtungszeitraumeinteilungen gefaltet und chronologisch geordnet, so dass uns das Werk den gesamten Monat vor Augen führt.
 
Wie in ihren Fotoflechtungen durch das Zerteilen und wieder Zusammensetzen, wird im Vorgang des Faltens und Schichtens ein ganz neuer Zusammenhang sichtbar. Das, was an den Kanten der Faltungen sichtbar wird, ergibt das Bild. Wolken sind hier nicht zu sehen, doch hat das Werk einen dezidiert leichten, atmosphärischen, ja beinahe schwebend-veränderlichen Charakter. Und eben in dieser ästhetischen Anmutung schließt sich der Kreis. Die Wolkenbildung ist, wie der Weg zwischen Atelier und Berg, der gegangen wird, wie eine Handlung, die ausgeführt wird und wie eine Erinnerung, die reflektiert wird, einer ständigen Wandlung unterworfen. In diesem Sinne entsprechen die Inhalte in Katrin von Lehmanns Werken zutiefst ihrer künstlerischen Umsetzung, dem Prozesshaften des Zeichnens. Die gezeichnete Linie und die gefaltete Kante werden zu Gefäßen der Erinnerung.
 
Dr. Dagmar Korbacher
Berlin, Juni 2010