Flechtung - textura fotográfica
Mit dem Fotografieren hat Katrin von Lehmann erst vor wenigen Jahren begonnen. Als zeichnende und Zeichen suchende Künstlerin sind ihr jedoch graphische Vorstellungen, das Wissen um Linie und Fläche und deren Materialität dermaßen bewusst, dass sie auch die graphischen Eigenschaften der Fotografie und von Fotomaterialien für sich nutzbar machen kann. In ihrer Ausstellung in der kommunalen Galerie "Weißer Elephant" führt sie an zahlreichen Arbeiten den Umgang mit dem Fotomaterial vor, wobei sie dieses Material im Sinne eines Rohstoffes für sich nutzt, um eigene Bildvorstellungen zu realisieren. Letztlich geht es der Künstlerin dabei nicht um das Foto als Dokument oder eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern um Prozesse der Bildherstellung, denn Katrin von Lehmann verwendet Fotos und Restmaterial der Fotografie, um sie im Vorgang des Flechtens zu neuen Bildern und Bildformen zu montieren.
Entstanden sind Arbeiten und Serien unterschiedlicher Aussagen, die manchmal wie konstruktivistische Bilder erscheinen, ein anderes mal Aspekte von Wiederholung und Auflösung bezeichnen oder wie dicht gewebte und wuchernde Ornamente wirken. Gemeinsam ist all diesen Arbeiten, die durch das regelmäßige Verflechten geschnittener Fotostreifen entstanden, die Idee der Darstellung von neuen Strukturen und neuen Zusammenhängen, denn die Methode des Verflechtens zweier gleicher oder unterschiedlicher, zerschnittener Fotos verändert, verrückt und verzerrt das/die Ausgangsmotiv/e.
Auf diese Weise entstehen in den Arbeiten serielle Doppelungen, Verschmelzungen und Verschiebungen innerhalb der Komposition, wodurch der ursprüngliche Bildzusammenhang zwar nicht völlig ausgelöscht wird, - es treten aber nun andere, bislang ungesehene Aspekte des Bildes in den Vordergrund, - Aspekte, die neue Zusammenhänge kreieren und ungewohnte, manchmal überraschende Bedeutungen annehmen.
Besonders deutlich entsteht dieser Eindruck bei den Verflechtungen von abfotografierten Bildseiten aus Handarbeitsbüchern aus dem 19. Jahrhundert. Der vorgegebene Detailreichtum und die Symmetrien der Stickereien werden durch die Methode der Montagetechnik Katrin von Lehmanns noch komplexer und vielteiliger, so dass sich der Eindruck einstellt, man habe es mit komplizierten abstrakten Formen, mit Überlagerungen von Versteinerungen oder dem Gewimmel von Insekten zu tun, und nicht mit eher biederen und braven Vorlagen weiblicher Handarbeit.
Die Addition des Gleichen, die regelhafte Vermischung von einer oder zwei Vorlagen führt zu grundsätzlichen Veränderungen im Bildgeschehen und zeigt welche Bilder zwischen und unter den Bildern liegen. Auch stellt sich bei diesen Arbeiten der Eindruck ein, als würde man als Betrachter durch die Technik der Verflechtung mit ins Bild gezogen und könne tiefer und intensiver hinein schauen.
Die eigenständige künstlerische Handschrift ist bei diesem Verfahren in gewisser Weise ein Stück zur Seite gerückt. Zwar bestimmt die Künstlerin die Fotovorlagen und Streifenbreiten, dann aber rollt ein Programm ab, das sich aufgrund des Flechtens weitgehend der Beeinflussung entzieht. Im Grunde handelt es sich um eine Art von halbautomatischer Bildherstellung und diese liegt auf der Linie von Katrin von Lehmanns Arbeitsweise beim Zeichnen: auch dort geht es ihr nicht hauptsächlich um die absolut subjektive Entäußerung von inneren Erlebnissen oder Zuständen, sondern um die Umsetzung von vorgefundenem Ausgangsmaterial zu eigenen Arbeiten, - wobei im Prozess des Zeichnens natürlich subjektive Transformationen und Veränderungen eintreten.
Ebenfalls bei ihren Serien der "impulsiven Zeichnungen" experimentiert die Künstlerin im Bereich des Halbbewussten und Halbgewussten: sie zeichnet Gegenstände ab - etwa einen Fotoapparat - ohne korrigierend auf das Papier zu blicken. Ihre Methode - ob beim "impulsiven Zeichnen" oder beim Flechten der Fotostreifen - bestimmt von daher weitgehend die Erscheinung der Arbeit und e rinnert ein wenig an die von den Surrealisten erfundenen Bildherstellungsverfahren (z. B. Frottage oder das automatische Zeichnen), die den Künstlern neue, bisher unbekannte und anregende Stoffe lieferten, die dann weiterverarbeitet werden konnten.
In Katrin von Lehmanns geflochtenen Arbeiten entstehen ebenfalls neue Formen und ungesehene Muster, die den Betrachter/innen wie komplizierte, rätselhafte Fragen begegnen. Auch scheint in ihren Arbeiten eine andere Zeit und eine andere Ordnung vorzuherrschen, jedenfalls besitzen sie eine seltsame Ruhe und Konzentration, die sich nur dann einstellt, wenn man die Gegenstände dieser Welt lange, intensiv und vielleicht aus den Augenwinkeln betrachtet.
Peter Funken
Mai 2000
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